Eigentlich reden wir eher über einen Halbtagestrip. Den ersten Ort, den ich mir vor ein paar Wochen, während einer umfangreichen Internet-Foto-Location-Recherche herausgesucht habe, liegt ca. 200 km von Düsseldorf entfernt in Belgien, bei Brüssel, das nächste Motiv ist 30 Minuten davon entfernt und das dritte und letzte noch einmal weitere 30 Minuten. Wenn ich je eine Stunde vor Ort zum Fotografieren und ein ausgiebiges Abendessen einplane, lande ich bei 9 Stunden. Ich fahre um 14 Uhr los. Dass ich erst gegen 3 Uhr am nächsten Morgen wieder daheim bin, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Leider stehe ich auf dem Weg zu meinem ersten Zwischenstop, BLOSO Rijksdomein Hofstade, erst einmal stundenlang im Stau auf einer Landstrasse. Auf dem Weg Richtung Mechelen liegen zwei Kreisverkehre, die in alle Richtungen den Verkehr für Stunden lahm legen. Glücklicherweise habe ich einen Krimi dabei, um mir die Zeit zu vertreiben. Erst gegen 19 Uhr, im schönsten Abendlicht erreiche ich mein erstes Ziel. Zu meiner Überraschung wimmelt es von hunderten von Familien und Urlaubern. Was ich nicht wusste: das alte verlassene Schwimmbad befindet sich inmitten einer beliebten Sport- und Erholungsanlage mit Seen, Abenteuerspielplatz, Ausflugslokal und allem drum und dran. Ich habe es noch nie erlebt, dass eine Ruine, die ich fotografieren will, bereits etliche Kilometer vom Ort entfernt ausgeschildert ist und ich 3 Euro fürs Parken zahlen muss.
Ich mache mir zwar ein wenig Sorgen, wie ich mir vor den Augen so vieler Menschen Zutritt zum zerfallenden Schwimmbad verschaffen soll, aber das ganze ist leichter als erwartet. Überall gibt es meterbreite Lücken im Zaun und hier und da steht sogar eine Tür offen. Ein einziges Schild, auf dem etwas in französisch steht, was wohl in Richtung „Betreten verboten“ hinausläuft, liegt mit der Schrift nach unten im Schmutz. Ich kann also, für den Fall dass ich erwischt werde, glaubhaft angeben, dass ich mir keiner Unrechtmässigkeit bewusst war.


Doch die einzige Person, die mir beim Fotografieren und Herumstromern zuschaut, ist eine Belgierin, die mit ihrem Fahrrad am Zaun steht und dreinschaut, als hätte sie einen Schock erlitten. Als ich mich auf meinem Weg nach draussen an ihr vorbeidrücken will, sagt sie plötzlich, dass es sehr merkwürdig sei, dass das Becken voll Wasser wäre. Erst verstehe ich nicht, was sie meint, denn ein mit Wasser gefülltes Schwimmbecken ersetzt mich normalerweise nicht in sehr großes Erstaunen. Doch dann erinnere ich mich, während meiner Internet-Vorabrecherche über die diversen Fotoziele eine Randbemerkung gelesen zu haben, die besagte, dass man vorhabe, dass Schwimmbad zu restaurieren (da es unter Denkmalschutz steht) und bereits vor geraumer Zeit das Wasser abgelassen hätte. Laut der Belgierin, die in der Nähe wohnt, war das Becken erst in der vergangenen Woche leer gewesen. Das ist in der Tat seltsam, denn das brackige, grüne Wasser sieht nicht danach aus, als hätte man es erst kürzlich mit einem Schlauch hereingepumpt. Ich frage die Frau, ob es denn in der vergangenen Woche viel geregnet hätte, aber das findet sie nicht sehr lustig.


Im Prinzip sind die Seen auf dem Areal nichts anderes als Baggerseen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann man mit den Arbeiten an einer zweiten Zugstrecke zwischen Antwerpen und Brüssel.
Auf Grund des ersten Weltkrieges ruhten die Arbeiten über lange Zeit und das Grundwasser sammelte sich in den Aushebungen.
Schon bald nach dem Krieg wurden die Seen um Hofstade zu einem beliebten Ausflugs- und Naherholungsziel in der Gegend.
1925 verbot die Stadt Mechelen die Nutzung für Erholungszwecke, weil sie das Wasser anderweitig nutzen wollten.
Diese Entscheidung führte jahrelang zu Protesten und politischen Aktionen in der Bevölkerung. Erst 1932 wurde das Areal wieder für touristische Zwecke eröffnet. Erst lag es in der Hand privater Investoren, später wurde es von BLOSO übernommen (welches, wenn ich es richtig verstanden habe, das Ministerium für körperliche Ertüchtigung, Sport und Erholung in Belgien ist).
Hofstade entwickelte sich zu einem beliebten Urlaubsziel für normale, mittelständische Familien, die sich nicht unbedingt einen Urlaub am Meer oder in den Ardennen leisten konnten.
Fünf Jahre später wurde der hier abgebildete Pool mit Umkleiden und dem von Maxime Wynants entworfenen, halbrunden Gebäude gebaut. Der Architekt wollte das Flair und die Atmosphäre eines „Tages an der See“ einfangen.
Seit 1978 liegt die Anlage verlassen da.
(Geschichtliche Hintergrund Informationen via.)


Eigentlich ist es inzwischen viel zu spät, um den weiteren beiden Foto-Locations einen Besuch abzustatten. Trotzdem mache ich mich auf den Weg zu einem 40km entfernten zerfallenen Krankenhaus, weil ich den Gedanken befremdlich finde, wegen eines einzigen Schwimmbades mehrere Stunden im Auto verbracht zu haben.
Ich weiss nur, dass sich das Institut Joseph Lemaire in Tombeek befindet. Im Internet habe ich gelesen, dass die Zufahrt mit einem Krankenhaus-Schild gekennzeichnet ist. Ich fahre sechs Mal an dieser Zufahrt vorbei. Dabei entdecke ich ein wundervolles, sehr hochpreisiges französisches Restaurant, das La Table des Templiers heisst und sich auf einem entzückenden Burghof-Gelände befindet.
Endlich fällt bei mir der Groschen und ich denke, dass dieses Schild mit einem “H” und der Zahl 200 vielleicht auf eine 200 Meter entfernte Zufahrt zu einem “Hospital” hinweisen könnte. (Irgendwie habe ich die ganze Zeit ein Schild mit einem Kreuz im Kopf, wenn ich an Krankenhaus denke.)


Es ist inzwischen 21:30 Uhr und das Licht zum Fotografieren ist sehr bescheiden. Etwas lustlos stapfe ich durch hohes Gras, dornige Ranken und Brennesseln, lasse mich von Moskitomassen terrorisieren, speichere mental ab, dass es eine unsäglich dämliche Idee von mir war, in Flip Flops auf Fotosafari zu gehen und knipse ein paar digitale Bilder. (Die Mittelformat und die analoge Spiegelreflex habe ich erst gar nicht aus dem Auto mitgenommen.)
Offensichtlich waren schon sehr viele Leute vor mir hier gewesen. Die Wände sind voller Graffiti und überall liegt Müll. Die Räume sind komplett leer und von einigen dieser Fotomotive kann ich nur träumen.
Vor der einstigen Bezirksfachklinik für Tuberkulose und Lungenkrankheiten stehen Bauwagen und irgendwer hat angefangen, Schutt zusammenzutragen. Ich denke, die Tage dieser Ruine sind gezählt.

Im übrigen möchte ich an dieser Stelle gerne auf einen weiteren Artikel hinweisen, der gecrosste Fotos vorstellt. Zwei der Fotos (das zweite und das letzte - siehe unten) aus der Serie Bodie Ghosttown möchte ich gerne verschenken. Es handelt sich um je einen hochwertigen Lambda-Print in einer Größe von 80cm x 54cm. Ich habe diese beiden Abzüge “zu viel” und es wäre schön, wenn ich jemandem eine kleine Freude machen könnte.
Schreibt einfach in die Kommentare, welches der Bilder ihr gerne hättet und warum. Meine Willkür entscheidet.

hallo andrea,
du solltest dir überlegen dich parallel als fotografin vertreten zu lassen (wenn du das nicht schon tust).
bei interesse kann dir gerne mein art-buying mit kontakten helfen.
also, ich würde mich über ein lambda print von dir freuen, weil ich dann, neben einem echten martin klimas und einem echten jörg immendorf und einem echten jim avignon, auch ein stolzer besitzer eines echten andrea schrul wäre.
und hey, das sind doch 4 pfeiler auf die man mit der zeit eine tolle kleine sammlung aufbauen könnte.
denkst du nicht?
im übrigen finde ich beide bilder so großartig, das ich mich nicht entscheiden kann. zuerst fiel mein blick auf das haus und seine linien und fluchten, dann war es der wagen mit seiner komposition und den farben… i’m lost.
kann ich noch mal drüber schlafen?
grüße
mmm
weil ich schon immer einen echten schrul haben wollte
Dieser Kommentar kam gerade per Mail und ich fand ihn so nett, daher kopiere ich ihn mal hier rein:
Nur um meine Anwärterschaft auf den Cremant klarzumachen:
Die Seite ist nicht blackberrygeeignet! Ladezeiten elend lang! Und da ich die Seiten hier anner Nordsee nicht sehen kann, weiß ich auch nicht, welchen Kommentar ich abgegeben hätte…
Außer: “Ich bin einer der wenigen, die ein Foto von Andrea Schrul im Büro hängen hat - von einer Raffinerie in Gelsenkirchen! Gutes Auge und gutes Handwerk!”
Wäre das ok gewesen?
Besten Gruß aus dem Norden,
U. Winkler
Kann ja gar nicht sein, dass der werte Herr MMM bzw. U. Winkler jeweils ein Print abgreifen, nur weil die beiden als Einzige hier einen Kommentar hinterlassen :o) Somit sinds nun mindestens drei Kommentarhinterlassende und nun muss Frau Schrul wohl einen schicken Hut hervorzaubern und in ihrer Kemenate für uns mal Lose ziehen!
Für das Elsässer Kistlein hinterlasse ich noch mal an anderer Stelle einen Kommentar. Hoffentlich findet Andrea diesen Kommentar dann auch :o) Blogs sind in dieser Hinsicht leicht… irritativ.
Erst versuchen wir eine Flasche Crémant ins Frankenheim Kino zu schmugglen… vergeblich…
dann fahren wir mit dem offenen Auto zur Rheinwiese und trinken sie dort…
so, oder so ähnlich…
dejá vù?!
Mit ‘ner ganzen Kiste? Du bist ja ehrgeizig.
(Nicht, dass das nicht zu schaffen wäre…)
dass die bilder einfach nur genial sind und ich ein grosser fan von ihrem fotogragischen gespür bin, muß ich bestimmt nicht extra erwähnen - sonst würde ich mich wohl kaum für einen den prints bewerben…
am besten gefällt mir photo zwei, da ich mir im letzten jahr oft so vorgekommen bin: abgewrackt und verloren, irgendwie verfahren und gestrandet
Statt mich mit so Kleinigkeiten wie echten Immendorfs, Avignons oder Klimas auszuhalten. Sammel ich ausschließlich Schruls. Ich glaube die Häuser würden hervorragend zu meinem Lambda Kesselwagen passen…
Liebe Grüße
Andrealein,
grossartige Website und bin sehr beeindruckt und stolz auf Dich! Hab Dich lieb! Bis bald, hoffentlich!!
Dicken Drücker
Samita
Liebe Andrea.
Eine tolle und aufwendige Seite, bei der ich schon auf neue Stories und Erlebnisse gespannt bin. Ich bewundere deinen Einsatz und deine Zielstrebigkeit, mit der du die Seite ans Laufen gebracht hast. Am meisten aber bewundere ich die Belobigung deiner Klassenlehrerin für drei Mal ’sehr gut’ im Diktat. Du warst eben schon immer ganz vorne.
Auf bald.
Harald